Punktesystem und Fingerlecken

Sind gerade Schulferien? Egal. Jedenfalls habe ich heute - im Gegensatz zu sonst - in der U-Bahn sogar einen Sitzplatz bekommen *g*.

Gegenüber sitz eine schlanke, blonde Twen. Auf Ihrem Schoß liegt eine Tasche aus der sie eine transparente Mappe mit Unterlagen zieht. Durch diese sieht man einen Ausdruck auf dem steht “UnivIS Vorlesungsplan”. Jetzt bestätigt sich meine erste Vermutung: “Sie ist Studentin”. Mal sehen, ob meine Zweite auch stimmt: “Studienrichtung BWL, Schwerpunkt Marketing”? Sie greift zu einem Leuchtmarker und streicht diverse Textpassagen in Ihren Unterlagen an - 1 Punkt. Im 23-Sekundentakt fährt sie sich durchs Haar und blickt gen Ihres imaginären BWL-Gottes am Himmel - 3 Punkte. Sie zieht ein Buch heraus, welches bereits durch diverse Lesezeichen (wieder 1 Punkt) vollkommen durchgearbeitet erscheint und malt auch dort herum - 1 Minuspunkt - Marketingmenschen malen nicht in ihren Büchern herum, dann kann man sie nicht mehr verkaufen. Zusammengerechnet sind dies nun 4 Punkte, also mehr was dafür als dagegen spricht: meine zweite Vermutung ist richtig!

Die U-Bahn hält gerade wieder. Es steigen sehr viele Menschen ein, denn es ist die Haltestelle “Hauptbahnhof”, bei der immer sehr viele Menschen einsteigen. Zwei Frauen setzen sich zu unserer “Sitzvierergruppe” (sind die eigentlich immer so in U-Bahnen angeordnet, daß sich zwei Bänke zu zwei Plätzen gegenüberstehen?). Nach bereits zwei Sätzen ist es klar: Medizinerinen! Die Jüngere scheint eine Ausbildung zur Ergotherpeutin oder sowas zu machen, die Ältere scheint diesen Beruf bereits auszuüben. Die Vermutung ist dadurch begründet, daß die Jüngere Schulungsunterlagen an die Ältere zur Begutachtung reichte und Letztere diese reichlich mit Kommentaren segnete. Und da ist auch schon das erste Problem! Nein - nicht, daß jemand etwas kommentiert; Warum sollte man nicht den Rat eines erfahrenen Mitatreiters seiner Branche einholen, macht doch jeder. Es ist eher das … ich muß noch etwas ausholen. Auch meine Haut ist eher trocken, und wenn ich eine Zeitung lese, dann kann ich dadurch die Seiten nicht so einfach wegschieben, da sie schlichtweg von meinen Fingern abrutschen. Ich fummle da dann oft etwas grobmotorisch an der Teitungskante herum bis ich sie zu fassen bekomme, um weiterzublättern. Nicht aber, die Kommentatorin mir gegenüber. Die Futterluke öffnet sich weit, ein graugelb belegtes, großes Exemplar einer Zunge der Gattung Ich-bin-auch-als-Knieschoner-zu-verwenden spingt heraus. Der Zeigefinger der rechten Hand wird langsam, fast theatralisch darübergeschoben, um nun die Seiten des Manuskriptes weiterzublättern. Keine der beiden stören weder die nun durchnäßten Ecken der Seiten, noch der widerliche, undamenhafte Anblick der stets herausschnellenden Zunge *schüttel - ekel*. Ok, wenn kleine Kinder Eis essen und sie genüsslich bei weit herausgestreckter Zunge dieses abschlotzen, mag das manchmal putzig aussehen. Wenn aber jemand jenseits der magischen Puzigkeitsgrenze von 10 Jahren seine Zunge in aller Öffentlichkeit zum Mißbrauch als Feuchtigkeitsspender für zu trockene Finger beim Zeitschriftenlesen präsentiert ist nicht nur die Putzigkeitsgrenze, sondern auch weit die Ekelgrenze überschritten.

Na dann, frohes Fingerlecken!

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